Scheiterkultur für Unternehmen (Bild: Freepik)

Kommentar: Warum wir unbedingt an unserer Scheiterkultur arbeiten müssen

  • Letztes Update:2 Monaten 
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Fehler gelten in Deutschland immer noch als Schwäche. Deswegen will sie jeder vermeiden – was den Innovationsgeist lähmt. Daher benötigen wir eine bessere Scheiterkultur!

Ein Gastbeitrag von Michael Peter / P&P Group

Alle können mal scheitern

Es gehört Mut dazu, wenn ein Mann wie Thomas Middelhoff bei einer Veranstaltung mitmacht, die „Fuckup Nights“ heißt. Hier treten weltweit Top-Manager oder Politiker auf, um Studenten, Gründern und Unternehmern von ihren Fehlern zu berichten.

2018 sprach Middelhoff in einem Saal der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Einst war er gefeierter Boss vom Medienkonzern Bertelsmann, dann vom Handelskonzern Arcandor. Doch dann kam der Fall – der ihn sogar ins Gefängnis brachte, verurteilt wegen Untreue und Steuerhinterziehung.

Der Charakter bildet den guten Unternehmer

Middelhoff sprach über ein Tabuthema in Deutschland: Fehler. Seiner war: Gier nach Ruhm. Und das ist nicht gut für einen Unternehmer. Sein Auftritt war bemerkenswert, denn das öffentliche Eingeständnis von Fehlern ist in Deutschland nicht vorgesehen.

Noch mehr: Fehler sind hierzulande regelrecht verboten, man hat Angst vor ihnen. Und wenn, dann machen sie immer die anderen. Wie sollen in so einem Klima Kreativität und Innovationsgeist entstehen? Wir stehen in einer Zeit großer Umbrüche und Herausforderungen, von denen der Kampf gegen den Klimawandel die größte ist. Hierfür benötigen wir dringend neue Technologien, die ökologisch und wirtschaftlich nachhaltiges Handeln erleichtern.

Wir müssen diese Angstkultur überwinden. Denn wer ständig Fehler fürchtet, der gründet kein Unternehmen, erst recht keines, das zukunftsorientiert ist. Dabei ist die Zeit reif für Gründungen. So bedeutet alles, was mit Grüner Energie zu tun hat: Zukunft. Doch für die Zukunft gibt es keinen Masterplan, wir alle müssen uns vortasten, ausprobieren, ins Risiko gehen.

Wem hier der Mut fehlt, von dem wird kein Leuchtfeuer ausgehen, der wird nicht die „Neue Welt“ mitgestalten können. Ein System, in dem Fehler als Schwäche gelten, wird kaum Innovation liefern. Und wer Angst hat, Fehler zu machen, wird nie Großes leisten. Beim Fußball gewinnt auch niemand, der ständig sichere Quer- oder Rückpässe spielt vor lauter Angst, vom Trainer gemaßregelt zu werden. Nur Trainer, die ihren Spielern Freiheiten gestatten, werden mit ihnen auch Erfolge feiern können – und auch vom Publikum verehrt.

Hörtipp zum Thema: FAIL – darum scheitern so viele StartUps

Lieber eine falsche Entscheidung treffen als keine

Innovation entsteht nicht durch kleinmütiges Zaudern oder bürokratisches Denken nach dem Motto: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Der ehemalige Ford-Manager und US-amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara hat einmal gesagt. „Lieber eine falsche Entscheidung treffen als gar keine.“ In Deutschland wirkt es, als werde genau andersherum gedacht. Warum? Auch, weil viele im Falle des Scheiterns Angst vor Häme und Schadenfreude haben – die wie auf Bestellung kommen.

Es gibt kaum erfolgreiche Gründer, Manager, Politiker oder Sportler, die nicht einen oder mehrere Fehler gemacht haben. Nicht jedes StartUp ist ein Erfolg. Aber wenn von zehn Versuchen zwei nachhaltig einschlagen, ist das eine gute Bilanz. Das müssen auch Investoren immer beachten: Es gibt keine Garantie auf Erfolg. Doch wer immer nur die acht Unternehmen im Blick hat, die scheitern, der wird nie bei den zwei Gewinnern dabei sein.

Es gibt keine Blaupause für die Zukunft

Viele deutsche Investoren agieren oft wie früher Sparer ihr Geld angelegt hatten: Sie wussten am Stichtag, wie hoch die Zinserträge ausfielen. Das ist zwar sicher, aber reich wurde damit niemand – nur die Bank. Gute Renditen gibt es indes nur für Investoren mit Wagemut.

Angesichts der enormen Herausforderungen bei der Umgestaltung unserer Gesellschaft brauchen wir mehr Wagemut, mehr Risikobereitschaft. Wir haben keine Blaupausen, anhand derer wir die „Neue Welt“ errichten können. Also: machen, ausprobieren – das gilt auch für Investoren!

Den Nachholbedarf bei Gründungen belegen auch die Zahlen des Statischen Bundesamtes: Demnach wurden 2021 nur 132.000 Kleinunternehmen gegründet. Das waren 2,8 Prozent weniger als im Jahr davor. Kleinbetriebe sind auch StartUps. Und hier muss in Deutschland etwas passieren. Eine entspanntere Fehlerkultur würde sicherlich auch eine bessere StartUp-Kultur fördern mit mehr Mut für Gründungen und Investitionen.

Hörtipp zum Thema: So können StartUps eine eigene Unternehmenskultur aufbauen

Wenn in Europa neue Energien für Gründungen freigesetzt werden

Es ist denkbar, dass ein Impuls aus Frankreich auch in Deutschland viel bewegen kann. Denn Präsident Emmanuel Macron höchstselbst hatte den Plan, den digitalen Fortschritt in Europa zu forcieren. In diesem Jahr wird sein Land den Vorsitz der der EU-Präsidentschaft übernehmen.

Spätestens ab dann soll die Förderung neuer Technologieunternehmen „ein essenzielles politisches Thema“ werden, so Macron. Sein Ziel: Bis zum Jahr 2030 soll es mindestens zehn europäische Tech-Unternehmen geben, die mit mehr als 100 Milliarden Euro bewertet werden. Das wäre mehr als eine Verdreifachung des aktuellen Zustandes.

Das ist eine starke Aussage – nicht nur für Investoren. Denn dadurch könnten noch mehr Energien freigesetzt werden für Gründungen und StartUps. Kreative Köpfe wagen den Schritt in die Selbstständigkeit, spornen sich gegenseitig an und probieren furchtlos Neues aus. Und in diesem neuen, dynamischen Markt wird es dann viele Möglichkeiten geben, Risikokapital zu investieren.

Die Zeichen stehen auf Wandel

Vielleicht werden wir 2022 die Corona-Pandemie überwinden und es setzt ein neues Denken ein. Eines, bei dem vieles, was unser Wirtschaften vor der Pandemie bestimmte, keine Zukunft mehr hat. Vielleicht ist 2022 das Jahr des Aufbruchs, der Kreativität und des Abstreifens bisheriger Verhaltensmuster. Ich hoffe es.

Somit: Trau dich, mach‘ Fehler, trau dich erneut – und hab Erfolg!


Über den Autor: 

Michael Peter, geboren 1971, wuchs in Mittelfranken auf und machte sich im Alter von nur 24 Jahren mit seiner P&P Bauträger GmbH selbstständig. Eines seiner Tätigkeitsfelder war zunächst die Umwandlung von denkmalgeschützten Altbauten in Wohnungen. Im Jahr 2008 gründete er in Fürth die P&P Group, mit der er sein Geschäftsfeld um Neubauprojekte erweiterte. Seit etwa drei Jahren investiert P&P über die Tochtergesellschaft Rivus Capital auch in StartUps, die sich mit Immobilien, Infrastruktur oder ESG-Themen beschäftigen. 


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